"Zurück zum Beton": Die Anfänge von Punk und New Wave in Deutschland. Eine Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf vom 7. Juli bis 15. September 2002. Der Versuch einer Reportage von der Eröffnung am Samstag, dem 6. Juli 2002.

Über die Frage, ob Punk ins Museum gehört, sollen sich andere streiten. Ich persönlich habe damit überhaupt kein Problem. Dafür ist der Grundgedanke (getreu dem Rondo-Motto: "Das kannst auch du!") des Punk und der Neuen Musik zu prägend für die gesellschaftliche Entwicklung, nicht nur im musikalischen Bereich, der 80er und 90er Jahre (und auch darüber hinaus geworden); aber auch darüber soll an anderer Stelle philosophiert werden.

Flyer zur Ausstellung

Ich selbst muß gestehen, daß ich bis zu diesem Tag noch nie in Düsseldorf gewesen bin, während ich den anderen "Metropolen" der deutschen Punk- und New Wave-Bewegung (ich spreche von Hamburg und "West"-Berlin) schon zahlreiche Besuche erwiesen habe.

Egal. Ab ins Auto, eine Compilation mit deutschen Punk-Klassikern ins Tapedeck und auf nach Düsseldorf...

Besucher beim Betrachten diverser Flyer und Fanzine-Schnipsel, daneben ein Plakat von S.Y.P.H., Materialschlacht, Mittagspause u.a.

Ein paar Biere später stehen wir endlich vor der Kunsthalle und müssen zwei Stunden lang V.I.P.s den Vortritt lassen, da dem gemeinen Besucher erst ab 20 Uhr Einlass gewährt werden soll. Während dieser Zeitspanne mache ich mir dann doch Gedanken darüber, ob Punk wirklich ins Museum gehört, wenn ich beobachte, wie der eine oder andere "Kunstinteressierte" nach wenigen Minuten mit einem Kopfschütteln die Halle wieder verlässt – sehen und gesehen werden und leider immer noch nichts verstanden...

Hinter der Glasfassade der Düsseldorfer Kunsthalle huscht ab und zu ein Jürgen Teipel (Autor des Buches "Verschwende deine Jugend") oder ein Peter Hein (Sänger und Texter von Charley‘s Girls, Mittagspause und Fehlfarben) vorbei. Harry Rag (Gitarrist und Sänger von S.Y.P.H.) kommt zum Phototermin vor die Halle: für ein bißchen "Unterhaltung" ist also gesorgt.

Endlich zahlt sich unser penetrantes Warten vor dem Eingang aus und wir gehören zu den Glücklichen, die noch problemlos Einlass finden. Eine halbe Stunde später ist die Tür dicht: man kommt nur rein, wenn auch gleichzeitig jemand die Halle verlässt. Wir sind froh, nicht in dieser Menschenmenge warten zu müssen und geniessen stattdessen Freibier, das die Geladenen wohl nicht mehr wollten. Vielen Dank, wobei ich sagen muss, daß ich mich mit diesem Altbier nie anfreunden werde.

Peter Hein, Xao Seffcheque und andere Besucher im Eingangsbereich der Ausstellung, ausgeleuchtet mit Neonröhren im Stile des Ratinger Hof in Düsseldorf

Jetzt aber rein ins Getümmel, es gibt ja Einiges zu sehen und um 22 Uhr soll noch ein Düsseldorfer All Star-Projekt um Peter Hein ein paar Lieder zum Besten geben, anschließend "Disco" mit Gudrun Gut (Schlagzeugerin bzw. Bassistin u.a. von DIN-A Testbild, Liebesgier, Einstürzende Neubauten, Mania D. und Malaria) und Thomas Fehlmann (Syntheziser- und Trompetenmann von Palais Schaumburg, spielt heute bei The Orb) aus Berlin, wo beide die Sendung "Ocean Club Radio" produzieren.

Im ersten Raum sind die Wände über und über mit Flyern, Photos, Plakaten, Coverentwürfen, Fanzineseiten, Collagen und noch Einigem mehr beklebt. Es gibt keinen einzigen freien Fleck mehr an den Wänden. Man wird buchstäblich erschlagen. Meist handelt es sich bei den Exponaten nur um Fotokopien, aber zwischendrin entdeckt man immer wieder Originale, meist hinter Plexiglas.

Ein kleiner Teil der beklebten Wände: Plakat für ein Neue Welle-Festival in Hagen und für einen Auftritt von Fehlfarben, Abwärts, S.Y.P.H. und Vorgruppe, sowie dem Coverentwurf für die erste Wirtschaftswunder Single.

Es gibt auch die Möglichkeit einen Teil der damals erschienenen Fanzines zu fotokopieren, dazu steht im Ausstellungsraum eigens ein Kopiergerät (nein, er ist nicht von Rank Xerox) zur Verfügung, natürlich liegen keine Originale aus, sondern nur deren Kopien, aber trotzdem (war im übrigen auch gut so, denn einige Besucher haben wohl vergessen, die Fanzines zu kopieren und die Vorlagen mitgenommen).

diverse Singles

Als Raumteiler fungieren zwei Schauwände mit Originalplatten. Es handelt sich dabei aber nur um eine kleinere Auswahl an LPs und Singles. Für Sammler sehr angenehm, daß es möglich ist, sowohl Vorder- als auch Rückseite der Schallplatten zu betrachten. Einige sehr rare Stücke, wie z.B. der SO 36 Sampler im Metallcover befinden sich auch unter den Exponaten.

der erste Raum, der über und über vollplakatiert ist mit Flyern, Postern, Collagen und Fanzineausschnitten

Hinter den beiden "Plattenwänden" finden wir dann noch ein paar gerahmte Photos aus dem "guten Abzug".

Es sind ein paar Vitrinen aufgestellt, in denen Buttons und Demotapes zu bewundern sind.

Natürlich wird das Ganze auch mit der Musik zur Zeit untermalt (höre ich da nicht den Soundtrack zum Buch?), aber es gibt auch die Möglichkeit, an eigens aufgestellten CD-Spielern Demos, Tapes oder sonstige rare, bedeutende oder obskure Musik zu hören.

Im zweiten Raum, der sich aufgrund seine räumlichen Begebenheit in zwei Bereiche aufteilt, finden wir zum Einen sehr viele der innovativen selbstgebastelten Sequenzer und Rhythmusmaschinen (wie z.B. den Duo-Multivibrator-Simultanhickhack: ein von Frieder Butzmann und Peter Ludäscher gebauter Tongenerator und Tonsignalzerhacker oder den Brontologic, Deutschlands ersten "Musikcomputer": gebaut von Werner Lambertz und Kurt Dahlke/Pyrolator), aber auch ganz normale Instrumente (wie z.B. eine Gitarre von Jürgen Engler, billige Casio-Keyboards oder Effektgeräte).

Deutschlands erster Sequenzer: der Brontologic, entwickelt von Werner Lambertz und Kurt Dahlke (Pyrolator)

Ergänzt wird der erste Teil des Ausstellungsraums von Fernsehgeräten, auf den über Kopfhörer diverse Dokumentationen, Konzertmitschnitte und Interviews zu verfolgen sind.

Hauptaufmerksamkeit erlangt aber ein Original Bühnenbild von Der Plan, sowie die Vorlage für die "Da vorne steht eine Ampel" Single der Band, natürlich alles entworfen von Moritz R, der auch heute noch als Künstler in Hamburg tätig ist und z.B. auch schon ein Plattencover für Depeche Mode gestaltet hat.

Völlig erschlagen hingegen wird man wieder von einer Wand mit Hunderten von Polaroidphotos mit Schnappschüssen von Konzerten, Partys und Sonstigem.

meterhohes Bühnenbild von Der Plan

Im zweiten Teil des Raumes werden überdimensional groß Dias und zwei Filme an die Wand geworfen, die sich immer und immer wiederholen.

Original Cover-Vorlage für die "Da vorne steht ne Ampel" Single von Der Plan; gemalt von Moritz R

In drei aufgestellten Containern kann man auf Fernsehgeräten weitere Dokumentationen und Super-8 Kurzfilme erleben.

In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Konzertmitschnitte oder Super-8 Kurzfilm-Experimente. Ein genaue Auflistung der Filme ist dem Ausstellungskatalog zu entnehmen, den ich nur empfehlen kann, da hier die wichtigsten Exponate festgehalten wurden, es einen großen Anhang mit vielen Informationen zu (Fach-)Literatur, Musik und Filmen gibt, sowie diverse Kommentare zum Thema Punk, der Ausstellung und dem ganzen Rest (u.a. von Peter Hein, .

überdimensionales Poster zur Ausstellung, angebracht außen an der Fassade der Kunsthalle in Düsseldorf

Ich kann nur jedem raten, der sich für das, was zwischen 1977 und 1982 passsiert ist, interessiert, diese Ausstellung zu besuchen.

 

 

 

 

Red@punk-disco.com

P.S. Wer Interesse an den Photos hat, nicht nur an den hier Abgebildeten, der kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen.